Lineare Entwicklungen interessieren Nik Lazanas eher weniger – vielmehr sucht der Deutschgrieche mit seinem Schweizer Risikokapitalfonds Arclif Group Unternehmer mit ungewöhnlichen Lebensläufen und Ideen mit exponentiellen Wachstumsmöglichkeiten.

Nik Lazanas ist ein Mensch, der nicht ganz einfach zu greifen ist. Oder vielmehr: Was er tut, ist nicht ganz einfach zu greifen. Denn der in der Schweiz lebende Deutschgrieche hat mit der Arclif Group seine Finger bei zahlreichen Projekten im Spiel – 55 Beteiligungen ist er bisher als Investor eingegangen. Das Portfolio reicht von Unternehmen, die sich auf Wearable-Technologie fokussieren, über E-Auto-Hersteller bis hin zu CBD-Produzenten.

Ganz wie ein klassischer Risikokapitalfonds streut Lazanas mit seiner Geschäftspartnerin Elena Skorochod seine „Wetten“ quer über Branchen und Regionen. 140 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, das sein Hauptquartier im Schweizer Zug hat, aber auch Büros in Zürich, Athen, New Jersey, London, Dubai und Kalkutta betreibt, weltweit. Ganz entgegen klassischen Risikokapitalfonds investiert die Arclif Group jedoch nicht mit „other people’s money“: Keine Limited Partners (LPs) oder institu­tionellen Investoren füllen die Kassen des Investmentvehikels, das Kapital kommt einzig und allein von zwei Personen: den Gründern Nik Lazanas und Elena Skorochod. „Wenn man sein eigenes Geld einsetzt, investiert man in der Regel etwas anders“, sagt Lazanas, als wir ihn per Videointerview treffen. Das soll nicht heißen, dass die Arclif Group konservativ wäre – bereits bei seinen frühen „Wetten“ bewies das Duo Risiko­freude. Darunter waren etwa Anteile an Spotify und Facebook, die Lazanas den Mitarbeitern vor dem Börsengang abkaufte – um beim IPO dann jenes Geld zu verdienen, das er für die Gründung der Arclif Group benötigte.

Nik Athanasios Lazanas
… ist ein Risikokapitalinvestor und Gründer der Arclif Group. Der Deutschgrieche war zuvor lange Jahre in der internationalen Automobilbranche tätig.

Doch das eigene Geld einzusetzen heißt, dass sich Lazanas genau überlegen muss, wo er sein Kapital investiert, da die eigenen Taschen naturgemäß nicht so tief sind wie jene von Banken und Versicherungen. „Selbstverständlich suchen wir die Rakete, das ist klar“, so Lazanas. Der Investmentfokus liegt auf tech­nologieorientierten Unternehmen mit außergewöhnlichen Gründern. Den schnellen Exit sucht man aber nicht: „Wir investieren nicht, um das schnelle Geld zu machen, sondern orientieren uns langfristig“, sagt der Deutschgrieche. Doch nicht nur bezüglich der Branchen ist Arclif agnostisch, auch die Ticketgrößen haben eine große Bandbreite: „Wir starten mit unseren Investments bei 10.000 CHF, können aber auch schon mal Kapital in der Höhe von 15 Millionen CHF zur Verfügung stellen“, erläutert Lazanas. Insbesondere zwei Investments aus den rund 55 Beteiligungen des Unternehmens traut er in Zukunft den „Raketen­status“ zu: dem Wearable-Hersteller Wearable 4 You AG, kurz W4Y, und dem E-Auto-Hersteller MEV. Doch schafft es Lazanas mit seiner diversifizierten Strategie tatsächlich, milliardenschwere Märkte wie die Gesundheits-, die Werbe- oder die Automobilbranche zu revolutionieren?

Lazanas wuchs als Sohn griechischer Einwanderer in Bayern auf. Seine Eltern machten sich nach ihrer Ankunft in Deutschland als Gastronomen selbstständig und arbeiteten hart, um sich ihr Leben zu finanzieren und die Kinder zu versorgen. Lazanas erlebte hautnah mit, wie hart Unternehmertum sein kann – und stieg dann auch in den elterlichen Betrieb ein: „Mein erstes Geld verdiente ich als Kellner, nach dem Abitur.“ Neben seinem ersten Gehalt bekam Lazanas dabei auch einen Einblick in eine andere Welt: „Ich sah Männer in Anzug und Krawatte, die mit Sportwagen fuhren. Das wollte ich.“ Lazanas studierte BWL in Fulda, bevor er nach Köln zog. Er fasste in der Autobranche Fuß – sein Weg führte ihn zu Ford, zur Lear Corporation, zur Freudenberg AG und zu General Motors Europe, wobei er Expertise im globalen Vertrieb von Produkten sammelte. 2006 wechselte er dann als Vorstand zur indischen Amtek Group. Das Unternehmen macht weltweit rund fünf Milliarden US-$ Umsatz pro Jahr, Lazanas leitete als Europavertreter das lokale Geschäft. Endlich hatte er erreicht, wovon er als Kellner geträumt hatte: Anzüge, schnelle Autos, Geld auf dem Konto. Doch der unternehmerisch geprägte Lazanas merkte, dass ihn die Tätigkeit nicht erfüllte. Im September 2008, zwei Wochen vor dem Lehman-Brothers-Kollaps und auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, machte er sich selbstständig.

Als Berater war er vorrangig für indische Konzerne tätig, die Europa erschließen wollten. Er hatte Erfolg – trotzdem war das Geschäft nicht profitabel: „Ich verdiente im ersten Jahr 60.000 €, hatte aber Reise- und andere Kosten in der Höhe von 180.000 €.“ Zu niedrige Preise bei
zu hohen Kosten führten zu einem satten Verlust. „Ein Fehler, den viele Gründer machen“, so Lazanas heute. Er veränderte sein Pricing, verdiente Geld – landete wenig später jedoch in der Private-Equity-Branche. Über einen befreundeten VC merkte er, wie lukrativ es sein kann, Aktien von Unternehmen unmittelbar vor deren Börsengängen zu erwerben. So kaufte er 2009 zahlreichen Facebook-Mitarbeitern Anteile ab – und machte beim IPO ein schönes Geschäft. Das Gleiche machte er bei Spotify. „Das waren keine Millionensummen, aber doch ordentliche Deals, wo ich das eingesetzte Kapital vervielfachen konnte“, sagt Lazanas. Der Grundstein für die Arclif Group war gelegt.

Der Zeitgeist der 90er- und 2000er-Jahre machte Hummer zu einer der begehrtesten Automobilmarken der Welt – große Status­symbole, die Amerikaner in Film und Fernsehen über die Straßen von Los Angeles steuerten. Der hohe Treibstoffverbrauch und die damit verbundene enorme Umweltschädlichkeit der Autos waren aber bald nicht mehr zeitgemäß; Hummer produzierte 2010 die letzten Einheiten der Riesen­wägen. Heute wollen Konsumenten umweltfreundliche, doch gleichzeitig pfiffige kleine Autos fahren.

Lazanas geht aber davon aus, dass die ursprüngliche Faszination des Hummer keineswegs verschwunden ist – und sicherte sich 2009 für die Arclif-Group-Tochter MEV die Lizenz, voll elektrifizierte, verkleinerte Hummer-Fahrzeuge (im Maßstab 1:3) herzustellen. Dabei betont der Unternehmer die Zugänglichkeit des Ansatzes: „Das ist keine Raketenwissenschaft. Wir wollen ein kompaktes Auto produzieren, das bis zu 80 km/h und eine Reichweite von bis zu 130 Kilometer erreicht; ein Auto – jetzt kommt der Clou –, das man an jeder herkömmlichen Steckdose aufladen kann.“ Da hören all jene, die sich intensiver mit der Branche beschäftigen, natürlich auf. Denn während die Energieversorgung für den Durchbruch der E-Mobilität kein Hindernis darstellt, ist der Ausbau der Lade­infrastruktur eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zum elektrifizierten Autoverkehr. Die Schweizer Großbank UBS errechnete, dass bis 2025 weltweit rund 400 Milliarden US-$ an Investitionen nötig sein werden, um die E-Mobilität mit der richtigen Ladeinfrastruktur zu versorgen.

Wenn Elektroautos nun also an herkömmlichen Steckdosen aufgeladen werden können, könnte das einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil auf dem Markt bringen. Auch deshalb will Lazanas die Produktion, die aktuell noch in China ansässig ist, nach Europa holen, genauer gesagt in sein Heimatland: „Wir sind mit der griechischen Regierung in fort­geschrittenen Gesprächen.“ Die kritische Anmerkung, dass Griechenland nicht unbedingt als Hochburg der Automobilproduktion bekannt ist, bestätigt Lazanas – teilweise: „Griechenland ist kein Autoland. Aber der Staat hat Pläne verkündet, einzelne Inseln vollständig grün und nachhaltig zu gestalten. Solche von der Regierung angetriebenen Initiativen würden unserem Projekt natürlich enorm entgegenkommen.“ Und auch ein größeres Ansinnen verfolgt Lazanas: „Wir wollen einen Beitrag leisten, industrielle Fertigung zurück nach Europa zu holen.“

Knapp 100 Millionen € will MEV über die nächsten zehn Jahre in den Aufbau der Produktion investieren. 350 Fahrzeuge verkauft MEV aktuell pro Jahr, die Zahl soll aber massiv steigen. Zusammen mit dem neuen modularen E-LCV soll die Produktionskapazität für den E-Hummer bis 2025 auf ein Volumen von 12.000 Einheiten steigen. Die niedrigeren Margen, die Elektrofahrzeuge im Vergleich zu Modellen mit Verbrennungsmotoren in der Regel abwerfen, sieht Lazanas im Fall von MEV nicht: „Wir haben durch die niedrigeren Kosten eine höhere Marge als tra­ditionelle Autobauer.“

Die zweite Rakete, die Lazanas bald abheben lassen will, ist W4Y. Das Unternehmen hat einen Chip in der Größe eines Sandkorns entwickelt, der (etwa in einen künstlichen Fingernagel integriert) in der Lage ist, ohne Batterie Daten zu transportieren. Die Technologie soll entlang mehrerer Verticals eingesetzt werden, konkret in den Bereichen Security, Advertising, Lifestyle und Healthcare. „In der heutigen Zeit, wo wir so viele Daten benötigen und sicher übertragen müssen, ist eine solche Technologie natürlich sehr vielversprechend“, so Lazanas.

Das sehen offensichtlich auch andere so: Neben Kooperationen mit einigen Schweizer Krankenhäusern nimmt W4Y aktuell auch an einem landesweiten Experiment in einem europäischen Staat teil, bei dem alle Einwohner des Landes über den Zeitraum von einem Jahr kontinuierlich auf Covid-19 getestet werden sollen. „Wir besitzen eine Technologie, die ohne Batterie funktioniert und die Möglichkeit bietet, solche Daten zu erheben und zu übermitteln“, sagt Lazanas – er wollte auf Nachfrage nicht bestätigen, ob es sich dabei um Liechtenstein handelt.

In herausfordernden Zeiten findet sich Lazanas auch immer wieder in operativen Rollen wieder – zuletzt bei einem CBD-Anbieter, dessen Onlineshop von der Krise massiv betroffen war. Doch eigentlich gefällt sich der Wahlschweizer in der Rolle als Investor am besten: „Wenn Not am Mann ist, helfen wir natürlich den Firmen hands-on mit unserem Wissen im operativen Geschäft. Unsere Hauptaufgabe bleibt jedoch, dem Management unserer Beteiligungen als Sparringpartner in strategischen Fragen zu dienen.“ Denn die wenigen Raketen zu finden, die sich gerade auf den Start vorbereiten, füllt Lazanas mehr als aus.

 

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